Cleverer Widerstand 3 Teil 3 - Selbststeuerung -Wie man seine Wahrnehmung der Welt verändern kann07.02.2021
Abschrift
Abschrift des Videos vom 07.02.202121 Abschnitte
Der Text hält den Kenntnisstand dieses Tages fest, nicht den von heute. Er wurde maschinell aus der Tonspur erstellt; maßgeblich bleibt das gesprochene Wort im Video.
Klar sehen, clever denken, frei handeln. Lieber Uwe, letztes Mal hast du uns die ganz, ganz große Geschichte des Seelenheils und wie es im Prinzip pervertiert wurde und immer weiter so ein bisschen verkapitalisiert und konsumiert wurde beigebracht. Und dann hast du aber jetzt, sag ich mal, noch nicht diesen Übergang geschafft, uns zu erklären, wie wir uns denn davon loslösen. Es war schon eine monumentale Arbeit, uns beizubringen, dass es tatsächlich so ist und dass wir unser Glück im weitesten Sinne immer weiter erkaufen. Wenn ich dir jetzt in fünf Minuten, Achtung, du hast jeweils immer nur fünf Minuten, aber ein Einstieg bieten könnte oder dich bitten könnte, um einen Einstieg in die praxisorientierte Herangehensweise, dieses Seelenheil in irgendeiner Form für sich zu gewinnen. Wie würdest du das machen? Ja, also erst mal vielen Dank für die Übergabe des Wortes. Richtig ist, dass ich beim letzten Mal die theoretische Basisgrundlage gemacht habe. Da gäbe es noch vieles mehr zu sagen, wenn man weiter in die Tiefe gehen will. Aber bevor man das tun kann und will, möchte ich erst mal zu dem rein praktischen Teil kommen. Das heißt, in diesem Punkt möchte ich heute überhaupt nichts Theoretisches sagen. Ich möchte mal zwei praktische Beispiele bringen. Und in meiner ersten Zeiteinheit möchte ich mal zeigen,
was denn so in unserem Kopf so vorgeht. Also wir denken ja den ganzen Tag von morgens bis abends und denken, weil es mal in unserem Kopf so drin ist, deswegen ist das auch alles so richtig. Und am Ende unseres Lebens sagen wir, komisch, irgendwie war doch nicht alles so richtig. Was hätte man bloß anders machen können? Und ich habe ja gesagt, es hängt davon, dass man seine Gedanken und seine Gefühle kontrolliert. Und jetzt möchte ich mal an einem bisschen typisierten Tagesablauf sagen, rein spekulativ, vielleicht auch ein bisschen Eigenerfahrung, wie man denn so die Welt so denkt und fühlt, so im Stillen. So, und ich fange mal damit an, wie ich zum Beispiel morgens aufwache. Oh mein Gott, wie habe ich schon wieder geschlafen? Ich bin ja völlig gerädert. Oh mein Gott. Und der Tag, was der jetzt schon wieder für Probleme bringen mag. Also am liebsten würde ich ja jetzt noch viel länger schlafen. Ja, und dann straffe ich mich dann so auf und dann gehe ich dann ins Bad, mache das Licht an. Oh, wen sehe ich denn da im Spiegel? Oh, bist du alt geworden? Bist du das überhaupt? Wie kann man bloß so alt aussehen? Dann gehe ich mal auf die Waage. Oh,
Warum ist dieses komische Ding da? Warum hat meine Frau die Waage noch nicht weggeschmissen? Die zeigt ja immer höhere Zahlen an. Das kann doch wohl echt nicht wahr sein. Das bringt mich ja langsam zur Verzweiflung. Dann schafft man es dann doch in die Wanne oder unter die Dusche, wie man denn so persönlich strukturiert ist. Dann zieht man sich dann so langsam an nach dem Frühstücken. Ach, je nachdem, wenn man aus dem Haus geht, dass man sich vielleicht mit seinen Kindern rumärgern oder mit der Frau, weil die noch irgendwas will. Kannst du nachher das noch mitbringen? Kannst du nachher das noch mitbringen? Ja, mein Gott, ich möchte morgens meine Ruhe haben und nicht irgendwelche Aufträge, die ich erfüllen will. Also, wann habe ich der Frau doch schon hundertmal gesagt? Warum hört die nicht mal zu? Naja, und dann gehe ich dann nach draußen und wenn ich in einem Mehrfamilienhaus wohne, gehe ich vielleicht mein Treppenhaus runter oder den Lift. Wenn ich in einem Einfamilienhaus wohne, gehe ich dann mal aus dem Haus raus, zu meinem Auto, zum Parkplatz, wo auch immer hin. Da treffe ich dann irgendwelche Nachbarn, grüße und sage, guten Morgen. Hallo, guten Morgen.
Wieso grüßt dieser arrogante Schnösel eigentlich nicht? Was habe ich dem denn getan? Ich grüße den und der Trottel, der wagt es ja noch nicht mal, mir ins Gesicht zu gucken. Also irgendwann einmal, da werde ich es dem heimzahlen. Und dann gehe ich dann mal so langsam hier zum Beispiel, wenn ich mit dem Auto fahre, vielleicht zum öffentlichen Nahverkehr, zur Straßenbahn, zur U-Bahn, zum Bus. Und wenn ich mir das da angucke, was denn da für ein Dreck rumliegt in der Großstadt. Die Mülleimer abgerissen, also diese Dreckschweine, warum kann die keiner mal stoppen? Und dann diese Hundescheiße überall, da tritt man da einmal rein und hat den ganzen Tag diese Scheiße unterm Schuh. Das kann doch echt nicht wahr sein. Wofür zahle ich eigentlich Steuern, dass die Stadt sich nicht darum kümmert? Also wenn ich in Hamburg bin und sehe nur die ganzen bemalten, beschmierten Wände, das ist ja gruselig. In anderen Ländern ist alles schön sauber, aber bei uns in Hamburg ist es wie bei irgendwelchen Schmierfinken.
Dann sitze ich auf einmal in meiner U-Bahn, in meinem Bus, in meinem Auto und dann geht es nicht voran. Stau. Ich habe Termine heute, wieso wieder Stau? Ich bin ja jetzt schon geladen. Also ich schaffe das ja gar nicht. Jetzt muss ich ja jetzt schon beim Fahren telefonieren und meine ersten Termine absagen. So, dann komme ich zur Arbeit. Und wenn ich im Büro bin mit Mitarbeitern, Naja, also die Arbeit, gut, man muss ja für Geld arbeiten. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich noch was ganz anderes machen. Aber das ist nun mal meine Arbeit. Ohne muss nichts los. Und dann diese, guck dir den an. Wie sieht der schon wieder aus? Was hat denn der für Haare? Was hat denn der für einen Bart? Na, guckt der mich so blöd an? Warum muss ich mit dem zusammenarbeiten? So, da kommt mein Chef an und will auch noch irgendwas. Ich habe doch schon genug zu tun. Wieso kriege ich immer die Arbeit? Ich will dich ganz kurz daran erinnern, wir wollten uns an den Counter halten. Versuch mal den Bogen zu schlagen. Dann kommen wir nach Hause. So, und eigentlich möchte ich jetzt meine Ruhe haben. Dann fängt meine Frau an zu nörgeln. Hast du das mitgebracht? Hast du daran gedacht? Die Kinder sagen Papa, Papa und das und das. Warum habe ich nur Nervensägen zu Hause? Wieso habe ich eigentlich geheiratet? Wieso habe ich eigentlich Kinder? Ein paar Stunden später gehe ich dann schlafen und sage, das war ein Tag, den möchte ich nicht nochmal haben. Gott sei Dank ist jetzt Gute Nacht. Das war
Wie man automatisch, unbewusst, destruktiv denken kann. Bin ich erstmal rum. Ich hatte gedacht, okay, hätte ich das gewusst, dass du wirklich zuerst nur dieses Szenario zeichnen möchtest, ohne den Lösungsansatz, hätte ich dich gar nicht unterbrochen vorhin. Aber das ist ja interessant. Jetzt spannst du die Leute natürlich auf die Folter. Du hast uns vorhin auf die Folter gespannt und ein bisschen, sag ich mal... Ja, uns das schwer gemacht, muss ich auch ehrlich zugeben, zuzuhören, weil wir haben alle gespannt auf die Pointe des Witzes gewartet und die kam nicht. Du hast es so beschrieben, diese relativ natürliche Herangehensweise, die wahrscheinlich jeder oder ganz viele von uns schon mal mitgelebt haben, durchgemacht haben oder zumindest von anderen kennen. Das sind diese Menschen, die wachen morgens auf, finden alles scheiße, dann geht der Tag scheiße los, dann ist er scheiße und dann hört er genauso beschissen auf. Und die Leute können nicht umhin, als die ganze Zeit sich darauf zu fixieren. Was ist denn die Lösung? Beziehungsweise du überrascht uns ja immer gerne. Wie geht es denn weiter in deinem Text? Ja, also richtig ist, dass das natürlich ein bisschen pointiert war, was ich vorhin gesagt habe, aber das dient ja auch eben zur Charakterisierung. Und nun möchte ich mal den anderen Pol dessen darstellen, was man auch machen könnte, nämlich bewusst konstruktiv den Tag anzufangen. Wir machen genau dieselben sieben Phasen. Ich wache auf. Oh!
Ein Wunder ist geschehen. Ich habe überlebt. Das ist ja gar nicht selbstverständlich. Wenn ich abends ins Bett gehe, ich habe ja gar keine Garantie, dass ich überhaupt aufwache. Ich habe es wieder mal geschafft. Danke, lieber Gott oder was auch immer, Universum. Danke, ich lebe. Wer hätte das gedacht? Hätte ich ja gestern nicht ahnen können. Mann, also... was heute wohl für tolle Sachen passieren mögen. Ich bin also wirklich schon echt gespannt, was ich für neue Abenteuer erleben kann. Und nun gehe ich ins Bad. Den ganzen Dreck und den Schmutz von Schweiß aus der Nacht, wie das gut tut, wenn ich den so von mir abstreife beim Baden oder beim Duschen und Zähneputzen. So, und ich gehe auf die Waage. Oh! Was sind schon Zahlen? Kilo mehr oder weniger? Wen interessiert denn das? Wichtig ist doch, wie ich mich fühle. Und ich fühle mich gut. Oh, mein Bauch, was hat der gut viel gekostet? Feiner Bauch, super Bauch. Und ich mache mich jetzt topfit für diesen Tag. Die Welt, die kann auf mich warten. Ich bin bereit. So, nun gehe ich nach draußen aus der Haustür. Hallo, guten Morgen.
Der reagiert gar nicht. Der arme Mensch, jeden Morgen dasselbe, immer grüße ich ihn und immer ist er ganz mürrisch und wirkt so unzufrieden und guckt einen noch nicht mal an. Der hat bestimmt ganz ernsthafte psychische oder gesundheitliche Probleme. Ich habe wirklich Mitleid mit ihm. Ich hoffe und wünsche ihm, dass er bald seine Probleme löst und ein bisschen glücklicher wird. Mein Beitrag ist, dass ich ihn trotzdem immer nett anlächle und immer nett grüße, auch wenn er mich ganz grimmig anguckt. Nun muss ich mal langsam zu meinem öffentlichen Nahverkehr oder zu meinem Auto gehen. Oh, da liegt ja schon wieder Dreck auf der Straße. Was soll ich mich drüber aufregen? Mein Blickwinkel ist 360 Grad im Umkreis und 360 Grad in der Vertikalen. Das ist ein riesengroßes Volumen. Und wegen diesem kleinen Hundehaufen soll ich mich aufregen? Und dann noch den ganzen Tag drüber mich ärgern? Ich bin doch nicht bescheuert. Das ist doch eine Bagatelle.
Ja gut, man kann ja aufpassen, ist ja nicht so schlimm. Also warum soll ich mir mein Lebensglück vermiesen lassen, weil ein klitzekleiner Teil meiner Wahrnehmung nicht so ist, wie ich es mir wünschen würde. Ja, dann steige ich in den Verkehr ein, in mein Auto, in meinen Bus, in meine U-Bahn, in meine Straßenbahn. Ich fahre ja sowieso immer rechtzeitig los. Da sind ja Verspätungen von einer Viertelstunde oder halben Stunde. Da kann ich doch mit leben. Und wenn ich zu früh ankomme, weil alles pünktlich ist, dann habe ich doch auf meiner Arbeitsstelle noch ein bisschen Päuschen, kann mich entspannen, kann Musik hören, kann lesen, kann einfach nichts tun und bin dann richtig bereit fürs Arbeiten. Und wenn es doch dazu kommen sollte, dass der Verkehr stoppt, Oh mein Gott, da kann ich doch nichts dran ändern. Bin ich der Gott des Verkehrs? Nein, bin ich nicht. Kann ich den Vorschriften machen? Nein, kann ich nicht. Was kann ich denn machen? Was ist das Beste, was ich jetzt tun kann? Musik hören, entspannen, Vokabeln lernen, irgendein Hörbuch lesen.
träumen, warten, bis die Ampel auf grün schaltet. Ich kann diese Zeit super nutzen, mich zu lernen, auch unter Anspannung, mich zu entspannen und mich wohlzufühlen. So, und nun komme ich zu meiner Arbeit. Ich glaube, meine Arbeit, mein Gott, ist zwar nicht wichtig, ob die Arbeit ideal oder nicht ideal ist. Jeder Arbeit ist es wert, dass sie so gut gemacht wird, wie ich sie machen kann. Und wenn mir meine Arbeit nicht gefällt, dann suche ich mir eine andere Arbeit. Gut, das mag wirtschaftliche Nachteile haben, aber ich bin doch nicht die Arbeit. Ich lebe doch nicht fürs Arbeiten. Ich arbeite in meinem Tempo. Ich lasse mich nicht hetzen. Da kann auch ein Kollege noch so drängeln. Da kann auch der Chef noch so Termine setzen. Ich mache es genauso schnell, dass ich niemals in Stress gerate und ganz entspannt und ruhig meine Arbeit mache. Und wenn...
Wenn meine Kollegen mich anflaumen, dann nehme ich das Angebot, das sie mir freiwillig machen, das ich mich aufregen und ärgern könnte, gerne zur Kenntnis, wenn man sagt, danke, dieses Angebot lehne ich ab. Ich habe keine Lust, mich zu ärgern, sondern wozu ich Lust habe, ist, ich möchte gerne meine gute Laune auf euch übertragen. Sie dürfen mich gerne nochmal beschimpfen und ich werde Ihnen gerne entgegen lächeln und hoffe, dass Ihnen meine positive Gesinnung ein bisschen dazu hilft, weniger aggressiv und weniger unzufrieden zu sein. So um je öfter ich das mache, jeden Tag, desto mehr merken meine Kollegen und mein Chef, es lohnt gar nicht mit mir zu schimpfen, mich unter Druck zu setzen. Ich reagiere nicht darauf. Sie werden, ob Sie es wollen oder nicht, ein bisschen ruhiger werden. Und wenn ich dann abends nach Hause komme, dann freue ich mich schon, endlich nach einem erfolgreichen, ruhigen und entspannten Arbeitstag in eine entspannte familiäre Situation zu kommen, bei den Lieben meiner Wahl zu sein. Und wenn meine Frau kommt und irgendwas von mir will und wenn die Kinder kommen und irgendwas von mir wollen.
Dann weiß ich, dass sie nicht verstehen können, dass ich viel zu tun hatte und dass ich eigentlich daran jetzt gar kein Interesse habe, aber das können die ja nicht verstehen. Und deswegen bleibe ich ruhig und freundlich, reagiere sachlich und sage, jawohl, ich höre mir dein Anliegen an, nicht in diesem Moment, aber komm mal in zehn Minuten nochmal, dann können wir in Ruhe darüber sprechen, dann gucke ich, was ich für dich tun kann. Und dadurch helfe ich meiner Familie, das weiß ich ganz sicher, von der Nervosität und von dem Stress auch zu Hause ein bisschen runter zu kommen. Und auch von den Ängsten, die damit verbunden sind, sich zu befreien. Und wenn ich dann einige Stunden später schlafen gehe und meinen Tag überblicke, dann sage ich mir, das war ein super Tag. Es hat zwar nicht alles geklappt, so wie ich es wollte, wie ich es mir geplant hätte, aber macht doch nichts. Die Welt muss doch nicht nach meinem Plan sein. Es sind acht Milliarden Menschen. Die Welt funktioniert doch auch ohne mich. Aber trotzdem hat es doch geklappt.
Meine Stimmung war okay, ich habe alles getan, was ich tun sollte. Und ich weiß, besser konnte ich es nicht machen. Ich habe mir meinen Schlaf verdient und ich bin sicher, wenn ich morgen aufwachen sollte, was ich ja heute noch nicht weiß, wird morgen ganz bestimmt auch ein guter Tag werden. Jemand hat gerade im Chat geschrieben, die Welt klar sehen und jemand anderes geschrieben, du bist der Zen Papi. Lieber Uwe. Es hatte etwas, ich will nicht sagen einschläferndes, aber auf jeden Fall beruhigendes, dir so zuzuhören, wie du die Welt beschreibst aus einer Perspektive, die wir relativ selten einnehmen. Aber um mal jetzt Devil's Advocate, also der Anwalt des Teufels zu spielen. Du hast einen Punkt erwähnt, der ist mir aufgefallen. Du hast gesagt, die Welt geht auch ohne mich weiter. Und wir stehen ja vor einer unglaublichen Transformation der Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass viele von uns sich leisten können, so nonchalant zum Beispiel ihrem Chef, ihren Kollegen und so weiter dem Arbeitsdruck, Erfolgsdruck entgegenzutreten, weil es ist, wie du sagst, die Welt geht ohne dich weiter.
Die Welt geht ohne dich weiter, egal für wie kompetent du dich eventuell hältst. Auch die Sachen, das hat uns der Thiele auch schon beigebracht, von denen wir meinen, das können nur Menschen schaffen, können in schon sehr allzu naher Zukunft auch Maschinen machen. Das bedeutet, unsere gesamte wirtschaftliche Existenz und ein Stück weit dennoch unser Leben und vielleicht auch irgendwo auch unser Glück ist gekoppelt daran, dass wir... Arbeit haben, dass wir irgendwie in diesem wirtschaftlichen System überleben können. Wenn jetzt alle so herangehen würden wie du, klar, dann wird es funktionieren, weil dann würde das bedeuten, die Chefs dieser Welt können all ihren Mitarbeitern nicht Druck machen, weil sie würden bemerken, ihre Mitarbeiter sind ihr größtes Kapital. Aber Wir müssen ja realistisch sein, wir müssen sagen, ein paar wenige fangen damit an. Die paar wenigen, die anfangen, die werden aufgefressen werden. Die werden entlassen werden, die werden sich auf der Straße wiederfinden. Dieses ganze Kartenhaus, was du vorhin beschrieben hast mit der Immobiliengeschichte, das wird über den zusammenbrechen. Und das wird ganz, ganz viele andere, die Nachahmer, die eventuell ansonsten gefolgt wären, davon abhalten, da einzusteigen. Eben weil die Welt ohne uns klarkommt und zunehmend umso mehr ohne uns klarkommt und ohne unsere wirtschaftliche Leistung. Ist deshalb diese, so schön sie auch sein mag, Perspektive, die du eingenommen hast, wirklich realistisch tragbar?
Zunächst einmal sind die Einwände völlig berechtigt. Diese Ängste und Befürchtungen kann ich voll teilen. Die halte ich für sachlich korrekt. Von einer gewissen Perspektive aus betrachtet ist meine Einschränkung. Und ich möchte erklären, warum das kein Widerspruch ist zu dem, was ich gesagt habe in meiner zweiten Vision des Tages. Weil die Außenwelt ist, wie sie ist und unsere Möglichkeit, auf die Außenwelt einzuwirken, ist durch unsere persönliche Kompetenz und Mittel, die wir haben, beschränkt. Das heißt, jeder, der glaubt, er könne die Außenwelt nach seinen Wünschen gestalten, wird an der Größe des Projektes scheitern, weil die Welt einfach größer ist als jeder einzelne Mensch. Sie ist auch größer als jede einzelne Gruppe oder jedes einzelne Unternehmen. Das heißt, alle Wünsche, die Welt zu perfektionieren und vollkommen und sicher zu machen, werden notwendig fehlschlagen, weil es ein Projekt ist, was weit über den Möglichkeiten des Menschen ist.
Das gilt aber umgekehrt genauso. Das heißt, der Einzelne, nur weil er ohnmächtig ist im Verhältnis zu dem Ganzen, was möglich ist, hat er aber auch die hundertprozentige Macht, zumindest das Potenzial für die hundertprozentige Macht, sein Innenleben selbst zu steuern. Und ich sage nicht, dass man jetzt glücklich und lächelnd tanzen wie ein Zen-Meister durch die Welt gehen soll und sagt, ich brauche ja nichts essen, ich brauche ja nichts trinken, mir ist doch scheißegal, was mein Chef sagt. Das meine ich nicht. Sondern was ich meine ist, dass man sehr wohl seinen Verstand, seinen Willen analytisch und gezielt einsetzt. aber gleichzeitig lernt, seine Emotionen so zu kontrollieren und seine Gedanken so zu kontrollieren, dass sie konstruktiv eingesetzt werden. Man kann auch bei einer sehr angestrengten und analytisch schweren Arbeit, so wie ich sie jeden Tag acht Stunden mache, emotional entspannt sein. Man muss abends nicht K.O. sein. Man kann auch, wenn man einen sehr unangenehmen Chef hat,
Wer einen nur anschnauzt, kann man trotzdem ruhig und zufrieden sein und seine Arbeit machen. Das heißt, aus der Tatsache, dass man sich innerlich in einen positiven, harmonischeren Geisteszustand bringt, folgt in keiner Weise, dass man äußerlich passiv ist oder äußerlich Dinge nicht tut oder dass man Ziele nicht verfolgt. Das hat damit rein gar nichts zu tun. Würde ich wagen, dir zu widersprechen. Weißt du, warum? Die Geschichte gibt mir da recht. Alle Menschen, nicht alle Menschen, aber der überwiegende Mehrteil der Menschen, die heute unsere Geschichtsbücher füllen, die Leute, zu denen einige von uns zumindest, die Getriebenen aufschauen, das waren Getriebene. Das waren Seelen, die keinen Halt gehabt haben. Das waren Menschen, die waren außerhalb der Skala oder wenn, dann am Spektrum wirklich an einem der Extreme angeordnet. Da ist kein Platz, Für das Seelenheil, was du beschreibst. Ich bringe da immer sehr gerne das Beispiel Puschkin. Alexander Puschkin, vielleicht wahrscheinlich der größte je lebende Poet. Klar, man kann das nur in irgendeiner Form richtig einschätzen, wenn man Russisch beherrscht, wie dem auch sei. Sein Output war phänomenal. Das war im Prinzip in der Poesie so, was ein Wunderkind wie ein Mozart wirklich die klassische Musik definiert hat.
Das waren beides Getriebene. Die waren alle, die hatten einen Schuss im Ofen. Da waren nicht mehr alle Mommeln so da. Klar, kann man sagen, die hätten sich auch, wie du sagst, koordinieren können, ihr Seelenheil zielgerichtet immer visioniert und strategisch irgendwie anplanen können, aber das geht nicht. Das ist auch bei einem Napoleon so, das ist bei einem Cäsar so, das ist bei allen so, die in irgendeiner Form etwas wirklich erreicht haben im Leben. Das ist auch bei Chefsuch auf einer kleineren Etage. Man muss kein Napoleon sein, wenn du etwas erreichen willst, wenn du Unternehmer sein willst. Ich habe verstanden, worauf du hinaus willst. Der Einwand ist berechtigt und trotzdem falsch. Wer ist deswegen berechtigt? Weil du korrekt darstellst, dass wichtige historische Figuren zwanghaft gehandelt haben. Das findet man in sehr vielen Fällen. Sehr viele Leute waren keine weltweisen und entspannte Menschen, sondern getrieben von irgendwelchen Sehnsüchten, materiellen Zwängen und Ängsten. Das ist alles wahr. Nur, das hat mit mir zu tun.
als Individuum und für jeden anderen aus seiner subjektiven Sicht null Bedeutung. Weil er nicht das Leben eines anderen lebt, sondern er lebt nur sein eigenes Leben. Er muss sich nicht die Frage stellen, was muss ich tun, um wie ein Puschkin, wie ein Einstein, wie ein Napoleon zu sein. Sondern er muss sich die Frage stellen, was muss ich tun, damit ich der sein kann, der ich sein könnte. Das ist die Frage. Und niemand, der unter Stress ist und unter Zwang ist, handelt im engeren Sinne des Wortes eigentlich, sondern er handelt uneigentlich. Das Wort Zwang beinhaltet schon per Definition, dass man nicht selbstständig handelt. Nur derjenige, der selbstständig handelt, kann auch selbstständig sein Schicksal voranbringen. Wer aufgrund von Zwängen handelt, ist in den Bereichen, wo er zwanghaft handelt, und sei es, dass er arbeitet, weil er ohne Arbeit verhungern würde, ist in dem Bereich nicht frei, sondern er ist ein Opfer, er ist eine Reaktionsmaschine.
Man kann nicht in allen Bereichen im Leben völlig frei sein, weil dann gäbe es keinen Grund mehr in dieser Welt zu leben. Das heißt, wir sind eingespannt in viele Zwänge, aber innerhalb dieser Zwänge können wir uns Freiräume schaffen. Das ist zumindest meine These. Und die Freiräume, die wir dann schaffen sollten, sollten solche sein, die uns ganz individuell betreffen. Das heißt, es ist völlig egal, was irgendwelche anderen Menschen in der Geschichte gemacht haben. Ob die was Gutes oder was Schlechtes gemacht haben, es ist völlig egal. Ich werde nicht daran gemessen, wer mein Vorbild ist. Sondern was ich im Leben getan habe oder wie ich schon als Student mal so ein Bild mir ausgedacht habe, maßgeblich ist, was auf meinem Grabstein steht. Und nicht, was ich mir gewünscht habe, was dort stehen sollte, sondern was andere dorthin schreiben. Und wenn ich sage, ich wollte ja so sein wie Elon Musk und wollte ein genialer IT-Wissenschaftler und Ingenieur werden. Was ich wollte, ist das eine. Die Frage ist, was ich real getan habe. Und das Tun
hat zwei Enden. Es hat das Ende mit dem Ziel in der Zukunft, ich möchte da und dahin. Aber viel wichtiger ist, was ich in der Gegenwart habe. Jeder Schritt, den ich heute tue, ist ein Schritt in die Zukunft. Jeder Gedanke, den ich heute denke, ist ein Gedanke, der sich in der Zukunft auswirkt. Das heißt, wenn ich nicht in der Gegenwart die absolute Selbstkontrolle habe, das heißt zumindest diese Anstrebe, wird meine Zukunft nicht so sein, wie ich sie haben möchte. In der Gegenwart gibt es nur eine Sache, die ich wirklich kontrollieren kann und das ist mein Innenleben. Denn alles andere, schon angefangen mit äußeren Sachen wie dem Körper, der ja Essen haben muss, was zum Beispiel von der Gesellschaft unter Umständen bestimmt sein kann. So der Körper, der Raum haben muss, Wohnung haben muss, das wird auch von der Gesellschaft teilweise bestimmt, das unterliegt nicht mehr meiner vollen Kontrolle. Aber meine Gedanken und Gefühle, die kann ich, wenn ich will und mich selbst darauf trainiere, kann ich zu 100 Prozent kontrollieren und die bestimmen, was aus mir werden wird, nicht die äußeren Umstände. Klar sehen, clever denken, frei handeln.
Zitate aus dieser Abschrift bitte mit Quellenangabe: „Cleverer Widerstand 3 Teil 3 - Selbststeuerung -Wie man seine Wahrnehmung der Welt verändern kann“, Die Welt Klar Sehen, 07.02.2021.
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Talk-Format der Reihe Cleverer Widerstand (Säule 4): Uwe Loose zeigt anhand zweier kontrastierender Tagesabläufe, wie destruktives versus konstruktives Denken die Wahrnehmung der Welt formt, und begründet im Streitgespräch mit dem Moderator, warum innere Selbststeuerung auch unter äußeren Zwängen möglich und wirksam ist.
