MV und Berlin wählen: Verliert der Gewinner?18.09.2026
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Abschrift des Videos vom 18.09.202620 Abschnitte
Der Text hält den Kenntnisstand dieses Tages fest, nicht den von heute. Er wurde maschinell aus der Tonspur erstellt; maßgeblich bleibt das gesprochene Wort im Video.
Am kommenden Sonntag finden zwei Wahlen am selben Tag statt. Mecklenburg-Vorpommern wählt seinen Landtag, Berlin sein Abgeordnetenhaus. Und in beiden Ländern kann am Wahlabend etwas passieren, das auf den ersten Blick widersinnig klingt. Die Partei mit den meisten Stimmen könnte am Ende ziemlich wenig davon haben. Nicht durch Betrug und nicht durch Tricks, sondern durch Rechenwege, die ganz offen im Gesetz stehen. Wie kann das sein? Zunächst einmal der Fahrplan. Drei Fragen für die nächsten zehn Minuten.
Erstens, was sagen die Zahlen wenige Tage vor der Wahl? Zweitens, warum kann in Berlin die Nummer 2 nach Stimmen fast so viele Sitze bekommen wie die Nummer 1? Drittens, woran erkennen Sie am Wahlabend selbst, wohin es kippt? Und damit zur wichtigsten Vorfrage, warum sollten Sie sich das ansehen, wenn Sie weder an der Ostsee noch an der Spree wohnen? Um Lokalkolorit geht es hier jedenfalls nicht. Beide Länder stimmen ja im Bundesrat mit. Beide Wahlen werden bundesweit quasi als Stimmungstest gelesen.
Vor allem aber die Rechenwege, um die es gleich geht, Überhangmandate, Sperrklauseln, Ausnahmen von der Sperrklausel, stecken in ähnlicher Form im Wahlrecht fast jeden Landes und des Bundes. Wer diese einmal an einem konkreten Abend durchschaut hat, liest eben jede künftige Wahl anders. Und das Beste, Sie können dieses Mal selbst rechnen. Dazu am Ende mehr. Kommen wir zur ersten Frage. Zunächst im Nordosten. Wer tritt dort gegeneinander an?
In Mecklenburg-Vorpommern verteidigt Manuela Schwesig ihr Amt. Seit 2021 regiert sie das Land. Damals holte ihre SPD eben noch 39,6 Prozent. Der Herausforderer um das Amt heißt Leif-Erik Holm, Bundestagsabgeordneter der AfD und gebürtiger Schweriner. Was sagen die Zahlen? Da ist in den letzten Tagen etwas in Bewegung geraten. Anfang September maß Forsa noch einen Vorsprung der AfD von 9 Punkten, 37 zu 28.
Und jetzt kommt es. Die Forschungsgruppe Wahlen sieht am 17. September die SPD bei 37 und die AfD bei 36. Zum ersten Mal in diesem Wahlkampf liegt dort die SPD vorn. Einen Tag früher hatte INSA genau das Gegenteil gemessen, nämlich AfD 37 und SPD 35. Und was heißt das? Die Spitze ist offen. Wer Ihnen heute sagt, diese Wahl sei entschieden, sagt mehr, als die Zahlen hergeben. Aber, und das ist der Punkt, der in der Berichterstattung gern untergeht,
stärkste Kraft zu werden ist das eine, aber regieren ist etwas völlig anderes. Warum ist das eigentlich so? Ein Ministerpräsident wird bekanntlich nicht vom Wähler gewählt, sondern vom Landtag. Und dafür braucht es dort letztendlich eine Mehrheit der Sitze. Stellen sich also das wie eine Eigentümerversammlung vor. Der größte Einzeleigentümer hat die meisten Stimmen im Saal, aber beschlossen wird nur, wofür sich die Mehrheit findet. Und wenn sich die
die übrigen Eigentümer einig sind, dann entscheiden sie an ihm vorbei. Der Vergleich endet dort, wo eine Eigentümerversammlung niemanden zum Verwalter wählen muss. Ein Land braucht aber eine Regierung. Was ist am Sonntagabend in Schwerin also die spannende Frage? Nicht nur, wer wird Erster, sondern welche Mehrheiten gibt der neue Landtag überhaupt her? Rechnen wir es mal durch. Der Landtag hat regulär 71 Sitze, für eine Mehrheit braucht es also 36.
Mit den Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen käme die SPD auf 28 Sitze, die AfD auf 27 und die beiden Parteien, die das Land bisher gemeinsam regieren, SPD und Linke, kämen zusammen auf 35. Ein Sitz zu wenig. Ob die beiden nach der Wahl überhaupt wieder miteinander wollen, steht auch bei einem anderen Blatt. Hier geht es allein um Arithmetik und die sagt, Ein einziger Sitz kann über eine ganze Landesregierung entscheiden. Und genau deshalb lohnt der zweite Blick auf die kleinen Parteien.
Die Grünen stehen in jeder Erhebung auf genau 5%, das BSW auf 3 bis 5. Beide stehen also mit einem Fuß drinnen und mit einem Fuß draußen. Jede Partei, die an der 5%-Hürde scheitert, verschiebt die Mehrheiten für alle anderen. Und die CDU? Die liegt zwischen 6 und 10 Prozent. Bei der letzten Wahl waren es noch 13,3. Damit zur zweiten Frage nach Berlin. Dort ist das Rennen noch enger und das Wahlrecht macht es doppelt interessant.
An der Spitze liegen zwei Parteien praktisch gleich auf. Die Linke mit 19 bis 23 Prozent, die CDU mit 18 bis 21 Prozent. Über den Sommer führte mal die eine, mal die andere. In den drei jüngsten Erhebungen liegt die Linke knapp vorn oder gleich auf. 22 zu 20, dann 21 zu 20 und davor ein glattes 20 zu 20. Und wer führt dieses Rennen an? Für die Linke tritt Elif Eralp an, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus.
Für die CDU der Finanzsenator Stefan Evers, nicht etwa der Amtsinhaber, Denn der regierende Bürgermeister Kai Wegner verzichtete im Juli nach der Kritik an seinem Krisenmanagement beim Stromausfall von Januar auf die Spitzenkandidaturen. Doch jetzt zur eigentlichen Pointe. Was passiert eigentlich, wenn die Linke die Wahl mit zwei Punkten Vorsprung gewinnt? Dann hat sie doch auch entsprechend mehr Sitze, oder? In Berlin muss das nicht so sein. Und woran liegt das?
Berlin vergibt seine Sitze eben in zwei Runden. Erst wird landesweit nach Zweitstimmen verteilt, dann wird die Beute auf die zwölf Bezirke heruntergerechnet und jetzt kommt es. Wer in einem Bezirk mehr Wahlkreise direkt gewonnen hat, als ihm die Rechnung dort zubilligt, behält diese trotzdem. Und zwar alle. Aber ist das bloß Theorie? Berlin hat es ja gerade erst vorgeführt. Bei der Wiederholungswahl 2023 holte die CDU 10 solcher Überhangssitze und rechnet man die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen einmal durch, also Linke 22 und CDU 20, dann kommt dabei heraus, Linke 42 Sitze, CDU 38.
Aus zwei Punkten Vorsprung werden also vier Sitze Abstand. Mit der einen Tag jüngeren Erhebung von INSA schmilzt er noch weiter auf 39 zu 37. Und woher kommt dieser Schwund? In beiden Rechnungen gewinnt die CDU die meisten Wahlkreise, nämlich 28 von 78, obwohl sie landesweit hinten liegt. Genau dafür zahlt ihr die Rechnung die Überhangsitze aus. Diese Wahlkreiszahlen sind allerdings keine Messung, sondern eine Schätzung aus dem Muster von 2023.
Läuft es in den Bezirken anders, verschiebt sich das Blatt weiter. Das ist keine Prognose, das ist schlichtweg die Mechanik. Und noch etwas fällt auf. Das Abgeordnetenhaus hat regulär 130 Sitze. In beiden Rechnungen wächst es auf über 160 allein durch Überhang und Ausgleich. Ein Parlament, das um fast ein Drittel zunimmt, ohne dass ein einziger Wähler das angekreuzt hätte. Und Berlin hat noch eine zweite Eigenheit, die es in Schwerin nicht gibt. Wer landesweit unter 5% bleibt, aber auch nur einen einzigen Wahlkreis direkt gewinnt, zieht trotzdem mit voller Listenstärke ins Abgeordnetenhaus ein.
Ein einziges Direktmandat ist dort sozusagen der Generalschlüssel. Halten Sie das im Kopf, wenn am Sonntag eine kleine Partei um ihren Kiez kämpft. Wie scharf diese Hürde schneidet, zeigt das BSW. Die eine Erhebung riet es bei 5%, die andere bei 4%. Mit 5% bekämen es 9 Sitze, mit 4% keinen einzigen. Zwischen diesen beiden Welten liegt ein Prozentpunkt. Bleibt die dritte Frage.
Worauf schauen Sie eigentlich am Sonntag ab 18 Uhr, wenn Sie mehr sehen wollen als Balkendiagramme? Fangen wir in Schwerin an. Wer liegt am Ende vorn? Die SPD wie bei der Forschungsgruppe Wahlen oder die AfD wie bei INSA? Achten Sie dann sofort auf die zweite Zahlenreihe. Schaffen Grüne und BSW die 5%? Denn jede Partei, die rausfällt, verteilt ihre Sitze an die übrigen um und entscheidet mit, wer auf 36 kommt. Und in Berlin zählen Sie die Wahlkreise, nicht die Prozente auf dem
Bildschirm entscheiden über den Sitzabstand an der Spitze, sondern die Frage, wer wie viele der 78 Wahlkreise direkt gewinnt. Und schauen Sie zum Schluss auf die Gesamtzahl der Sitze. Je weiter diese über 130 hinauswächst, desto mehr Überhang hat es gegeben. Und dann rechnen Sie am besten selbst. Auf meiner Internetseite dieweltklarsehen.de finden Sie ab sofort zwei Sitzrechner. Einen für Mecklenburg-Vorpommern, einen für Berlin. Sie schieben
die Prozente. Der Rechner zeigt Ihnen sozusagen in Echtzeit die Sitze mit allen Überhängen, Ausgleichen und Sonderregeln nachgebaut nach den amtlichen Rechenwegen und geprüft an den echten Ergebnissen von 2021 und 2023. Was bringt Ihnen das konkret? Sie sehen schon vor dem Wahlabend, was ein Prozentpunkt mehr oder weniger wirklich bewirkt. So, halten wir fest, am Sonntag werden nicht einfach zwei Rangfolgen gewählt. In Schwerin entscheidet sich eben, ob die stärkste Kraft auch
auch eine Mehrheit hinter sich versammeln kann, oder ob sie stark und zugleich allein dasteht. Und in Berlin entscheiden 78 einzelne Wahlkreise mit darüber, ob aus einem Stimmenvorsprung überhaupt ein Sitzvorsprung wird. Wer nur auf die Balken schaut, sieht am Sonntag nur die halbe Wahl. Wer die Rechenwege kennt, sieht die ganze. Was meinen Sie? Sollte die Partei mit den meisten Stimmen automatisch den Auftrag zur Regierungsbildung bekommen? oder zählt allein die Mehrheit im Parlament? Schreiben Sie es in die Kommentare. Die beiden
Sitzrechner finden Sie auf dieweltklarsehen.de. Der Link steht auch unter diesem Video. Und wenn Sie den Abend nicht alleine vor dem Balkendiagramm verbringen wollen, ab 16 Uhr bin ich zu Gast in der Live-Wahlsendung von Eli, aber auch live auf meinem Kanal. Erst die Ausgangslage, ab 18 Uhr dann die Zahlen, während sie hereinkommen. Den Link finden Sie ebenfalls in der Beschreibung. Die Welt Klar Sehen. Orientierung in bewegten Zeiten.
Zitate aus dieser Abschrift bitte mit Quellenangabe: „MV und Berlin wählen: Verliert der Gewinner?“, Die Welt Klar Sehen, 18.09.2026.
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Vortrag (Säule 3) vor dem Doppelwahltag am 20.09.2026 in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Drei Fragen: Was sagen die Zahlen wenige Tage vor der Wahl, warum kann in Berlin die Nummer 2 nach Stimmen fast so viele Sitze bekommen wie die Nummer 1, und woran erkennt man am Wahlabend selbst, wohin es kippt. Kern ist die Trennung von stärkster Kraft und regierungsfähiger Mehrheit sowie das Berliner Zwei-Runden-Wahlrecht mit Überhang und Direktmandats-Ausnahme von der Sperrklausel.
