Frankreich brennt | Kommt das auch zu uns?20.10.2026
Abschrift
Abschrift des Videos vom 20.10.202626 Abschnitte
Der Text hält den Kenntnisstand dieses Tages fest, nicht den von heute. Er wurde maschinell aus der Tonspur erstellt; maßgeblich bleibt das gesprochene Wort im Video.
Kommt das, was gerade in Frankreich brennt, auch zu uns nach Deutschland? Am 17. Oktober stand in Limoges das Rathaus in Flammen und landesweit nahm die Polizei rund um diesen einen Aktionstag fast 2400 Menschen fest. Meine Antwort vorweg, die Krawalle selbst kommen nach meiner Einschätzung kaum zu uns, aber die Krise hinter den Krawallen kann im Mai eine Präsidentin ins Amt bringen, die die Sanktionen gegen Russland beenden will.
Und dafür genügt dieser Präsidentin ein einziges Nein an einem bestimmten Tag. Mein Name ist Uwe Loose. Kommen wir zuerst nach Frankreich. Angefangen hat es nicht an der Tankstelle, sondern an einem Gymnasium bei Paris. Die Schüler wollten mehr Lehrer, kleinere Klassen und Schulgebäude in ordentlichem Zustand. Doch binnen drei Wochen wurde daraus eine Bewegung im ganzen Land und am 17. Oktober folgte ein Aktionstag gegen die hohen Preise, allen voran beim Sprit, über 550.000 Menschen.
Und wer hat das Rathaus angezündet? Am 20. Oktober nahm die Polizei einen Verdächtigen fest. Nach Angaben aus dem Umfeld der Ermittlung ist der Mann den Behörden schon als Angehöriger der ultralinken Szene bekannt. Angeklagt ist der Verdächtige bisher nicht. Und landesweit waren unter dem Festgenommenen vom 17. Oktober mehrheitlich nicht Schüler, sondern Erwachsene. Eine Pariser Historikerin nennt das Geschehen im Zitat wie folgt.
Kapern von Demonstrationen durch organisierte Banden, die Tatenden. Kapern, das ist wie bei Piraten. Das Schiff gehört anderen, die Piraten übernehmen nur das Steuer. Gemeint sind hier politisch motivierte Gruppen, die öffentliche Gebäude und Banken angreifen, dazu Leute, die gegen die Polizei kämpfen wollen und Gelegenheitsplünderer. Für mich heißt das, die Krawalle sind keine Schülerproteste mehr.
Andere Gruppen bedienen sich der Schülerproteste für ihre eigenen Zwecke. Und jetzt zu uns. Ist die Angst vor Krawallen in Deutschland berechtigt? In Frankreich ging an einem einzigen Schultag im Oktober über 250.000 Menschen auf die Straße. In Berlin und Hamburg blockierten im Oktober jeweils rund 150 Schüler eine Schule. Für den 31. Oktober rufen anonyme Social-Media-Kanäle in zehn deutschen Städten zu Demonstrationen auf.
Also alles ganz harmlos? Nicht ganz. Gibt es bei uns schon ein Netzwerk für so etwas? Ja, und zwar ein fertiges. Gegen die Wehrpflicht nämlich streikten im September Schüler in rund 100 Städten in Deutschland nach Angaben der Initiative sogar über 45.000. Und der Kostendruck, über den man redet, den kennen Sie selbst. Sprit war im September 37% teurer als ein Jahr zuvor.
Und kann so ein Protest auch bei uns gekapert werden? Das geschieht bereits. Bei Blockaden an zwei Berliner Gymnasien kritisierte die Bildungssenatorin, dass schulexterne Personen die Anliegen der Schüler für sich instrumentalisieren. Und im Netzwerk gegen die Wehrpflicht saßen politische Gruppen sogar von Anfang an am Steuer. Das ergaben schon im April Recherchen von Journalisten. Die Kommunistische Partei, DKP, samt Jugendorganisationen,
hat die bisherigen Schulstreiks gegen die Wehrpflicht maßgeblich vorbereitet. Und den Schulstreik am 20. November, der jetzt noch geplant ist, haben linke Jugendorganisationen aus mehreren Ländern ausgerufen. Für mich heißt das, auch bei uns in Deutschland nutzen politische Gruppen die Sorgen der Schüler für ihre eigenen politischen Ziele. Was also, wenn am 20. November wieder 45.000 Schüler oder mehr auf die Straße gehen
und radikale Gruppen, linke Gruppen diesen Protest kapern? Kann es dann bei uns krachen wie in Frankreich? Meine klare Antwort, ja, das kann passieren. Plünderung und brennende Autos hatten wir schon beim G20-Gipfel in Hamburg 2017. Und auch die Schulstreiks liefen nicht immer ruhig. Im September wurde bei einem Schulstreik in Berlin Pyrotechnik gezündet. Die Polizei nahm 16 Menschen vorübergehend fest. Dazu kamen elf Anzeigen, unter anderem wegen Beleidigung, Sachbeschädigung und verbotener Symbole.
Von Bränden oder Plünderungen spricht die Bilanz der Polizei nicht. Das war derselbe Streiktag, an dem laut Initiative bundesweit über 45.000 mitmachten. Groß war der Protest also schon und politische Gruppen wirkten im Netzwerk mit. Zu Krawallen wie in Frankreich kam es trotzdem nicht. Das fehlte bei den Schulstreiks in Deutschland also noch zu französischen Verhältnissen.
In Frankreich kamen zu den Schülern und den politischen Gruppen zwei weitere dazu. Straßenkämpfer und Gelegenheitsplünderer, viele davon sehr jung. In Bordeaux war ein Drittel der Festgenommene minderjährig und bei acht von zehn ging es um Diebstahl oder Hehlerei. Erst diese Mischung macht aus einem gekaperten Protest Krawalle. Stellen Sie sich mal einen Sommerabend in Ihrem Garten vor. Beim Nachbarn glüht der Grill, Funken fliegen über den Zaun.
Doch ob ihre Hecke brennt, hängt nicht am Funken. Entscheidend ist, wie trocken die Hecke ist. Und wie trocken ist Deutschland? Erstens, wer ist bei uns für die Schulen zuständig? Die Länder. Der Zorn der Schüler hat hier also 16 verschiedene Adressen statt einer, wie in Frankreich. Zweitens, wie viele junge Leute finden in Deutschland keine Arbeit? Von denen unter 25 Jahren, die arbeiten wollen, ist in Frankreich jeder fünfte arbeitslos, bei uns nicht einmal jeder dreizehnte. Und bedenken Sie, wer Arbeit oder eine Lehrstelle hat, geht, zumindest nach meiner Einschätzung, nicht so leicht auf die Barrikade.
Nur, Menschen sind ja kein Holz. Ob eine Bewegung Feuer fängt, entscheiden die Menschen, nicht die Trockenheit, also die Situation allein. Und was heißt das bis zur Wahl in Frankreich? Meine Meinung ist, weitere politische Proteste, die politische Gruppen für sich nutzen, halte ich bei uns für sehr wahrscheinlich. Vor allem rund um die Wehrpflicht. Eine Welle wie in Frankreich halte ich für möglich, aber eher unwahrscheinlich. Ich schätze die Gefahr ganz frei auf höchstens 1, 10, also 10 Prozent.
Und das hängt nicht an der Wahl in Paris, sondern an unseren eigenen Schulen und Preisen. Prüfen können Sie das selbst. Und zwar am 31. Oktober und beim Schulstreik am 20. November. Sagt es schon am 31. Oktober, dann steigt die Gefahr natürlich. Doch achten Sie dabei darauf, wer zu einem Protest aufruft. Wenn die Krawalle also kaum zu uns kommen, wie kann uns die Krise in Frankreich dann überhaupt betreffen? Über die Wahl. Schauen wir uns diesen Weg mal an.
Warum gibt die Regierung in Frankreich den Schülern nicht nach? Nach meinem Verständnis vor allem, weil das Geld fehlt. Der französische Staat rechnet 2027 mit höheren Ausgaben für Zinsen als für seine Schulen. Die Pension der Lehrer nicht mit eingerechnet. Mit der Arbeit von Präsident Emmanuel Macron ist nur noch etwa jeder Sechste zufrieden. So lautet das Ergebnis von zwei aktuellen Umfragen. Das ist der Zusammenhang, um den es geht.
Dieselbe Krise, die die Schüler auf die Straße treibt, schwächt die französische Regierung. Stellen Sie sich mal einen Verein vor, dessen Vorstand die Probleme seit Jahren nicht löst. Die Kasse ist leer, die Mitglieder sind wütend, bei der nächsten Versammlung wählen sie einen anderen Vorstand. So ähnlich liegt es in Frankreich. Und davon profitiert bei der nächsten Wahl nach meiner Einschätzung vor allem Le Pen. Im Frühjahr 2027 wählt Frankreich einen neuen Präsidenten. Und wer liegt vorn?
In allen Umfragen, die ich gelesen habe, Marine Le Pen. Im ersten Wahlgang mit 31 bis 37 Prozent und auch in der Stichwahl am 2. Mai. Allerdings stammen alle diese Umfragen aus der Zeit vor dem 17. Oktober. Neuere haben wir noch nicht. Und was will Le Pen? Über das Geld Frankreichs für die Ukraine sagte Le Pen, diese Zahlungen werden aufhören. Und die Sanktionen gegen Russland will Le Pen ebenfalls beenden.
Ist das nicht interessant? Bei den Sanktionen ist es für eine Präsidentin Le Pen besonders einfach. Denn wie geht denn das überhaupt? Jetzt kommt das Datum, das ich Ihnen versprochen habe. Der 31. Juli 2027. Was ist da? An diesem Tag laufen die Wirtschaftssanktionen der EU gegen Russland aus. Also die Beschränkungen bei Handel, Banken, Energie und Technik und auch das Einfuhrverbot für russisches Öl. Außer, alle 27 EU-Staaten verlängern die Sanktionen vorher.
Und zwar einstimmig. Nicht alles läuft aus. Die Gelder der russischen Zentralbank bleiben gesperrt. Ebenso die Sperrung gegen einzelne Personen und auch der Ausstieg aus dem russischen Gas bleibt. Stellen Sie sich mal zum Vergleich einen Zeitvertrag mit 27 Partnern vor. Der Vertrag endet am Stichtag von selbst. Niemand muss kündigen. Verlängert wird nur, wenn keiner der 27 widerspricht. Ein einziger Widerspruch und der Vertrag ist aus.
Neu beschließen ließen sich die Sanktionen später zwar, aber auch dann genügt wieder ein einziger Widerspruch. Und jetzt legen Sie mal den Kalender daneben. Die Stichwahl in Frankreich ist am 2. Mai. Die Sanktionen laufen am 31. Juli aus, knapp drei Monate später. Wer also im Mai in Paris gewinnt, bestimmt damit im Juli über eine der 27 Stimmen in der EU. Ein einziges Nein würde genügen. Kein Gesetz, kein Austritt, kein Vertragsbruch, nur ein Nein im Europäischen Rat.
Was heißt das für Sie? Sagt Paris Nein, enden die Sanktionen für alle 27 EU-Staaten, auch für Deutschland. Dann darf Europa wieder russisches Öl kaufen. Nach meiner Einschätzung wäre das für uns wirtschaftlich ein Vorteil. Mehr Anbieter bedeuten mehr Wettbewerb um den Preis und das gilt im Grunde für jedes Land der EU. Beim Gas allerdings ändert sich da nichts. Das Gasverbot gilt auch ohne die Sanktionen.
Merken Sie sich einfach die Regel hinter diesem Datum. Läuft etwas von selbst aus und müssen alle zustimmen, genügt ein einziges Nein, um es zu beenden. Heißt das automatisch, dass Le Pen Nein sagen wird? Nicht unbedingt. Im September hat Le Pen sich ausdrücklich von Moskau abgegrenzt. Und Ungarn hat im Januar 2025 bei genau diesen Sanktionen mit einem Nein gedroht und am Ende gegen eine Erklärung der EU zur Energiesicherheit doch zugestimmt.
Ein angedrohtes Nein kann also auch nur verhandlungspraktisch sein, um den Preis hochzutreiben. Fassen wir zusammen. Kommen die Krawalle zu uns? Denken Sie wieder an die Hecke. Bei uns ist sie nicht so trocken wie in Frankreich. Aber ausschließen kann ich es nicht. Doch nach meiner Einschätzung werden die Krawalle kaum in dem Umfang zu uns kommen. Bis zur Wahl in Frankreich rechne ich mit weiteren Protesten, die politische Gruppen für sich nutzen.
Meist friedlich. Was aber, wenn Le Pen nicht gewinnt? Dann stimmt Paris im Juli 2027 nach meiner Einschätzung wie bisher zu und die Sanktionen gegen Russland laufen weiter an. Die Krise in Frankreich verschwindet damit nicht. Das Geld für die Schulen bleibt knapp und neue Proteste dort halte ich dann für wahrscheinlich, egal wer gewinnt. Ob die Krise dann zu uns überspringen wird und die Proteste, hängt dann genauso wie heute an unserer eigenen Gesamtlage. Gewinnt Le Pen, wird der 31. Juli zur Probe, ob ihr Nein kommt. Es sei denn, die 27 EU-Staaten verlängern die Sanktionen schon vor der Wahl.
Und zwar gleich für mehrere Jahre und am besten noch, solange Präsident Emmanuel Macron Präsident ist und zustimmen kann. Verboten ist das nach meiner Lesart der Verträge nicht. Und welcher Weg wir kommen, das kann heute niemand seriös sagen. Ich natürlich auch nicht. Aber eines, das steht fest, über die Sanktionen entscheidet nicht der Protest auf der Straße. Darüber entscheidet jeder Einzelne der 27 Länderstimmen, auch die aus Paris.
Mich interessiert jetzt Ihre Einschätzung. Angenommen, Le Pen gewinnt im Mai. Sagt sie im Juli 2027 wirklich Nein? Oder treibt sie wie Ungarn nur den Verhandlungspreis hoch? Schreiben Sie es mir unten in die Kommentare. Ich lese das. Und wenn Sie den 31. Juli 2027 mit mir im Blick behalten wollen, dann abonnieren Sie den Kanal.
Zitate aus dieser Abschrift bitte mit Quellenangabe: „Frankreich brennt | Kommt das auch zu uns?“, Die Welt Klar Sehen, 20.10.2026.
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Uwe Loose fragt, ob die Krawalle in Frankreich nach Deutschland kommen. Seine Einschätzung: Die Krawalle selbst kaum, weitere von politischen Gruppen genutzte Schülerproteste schon. Die eigentliche Folge für Deutschland läuft über die Wahl 2027: Die EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland enden am 31. Juli 2027, wenn nicht alle 27 Staaten einstimmig verlängern, und eine Präsidentin Le Pen könnte sie mit einem einzigen Nein beenden.
